Mit Herz, Schalk und Überzeugungskraft

ERLEBT - Dr. Martin Weber

Mit Herz, Schalk und Überzeugungskraft

Der Berner Arzt Martin Weber eröffnete Ende 2010 ein Cholera-Behandlungszentrum in Haiti. Der 70. Einsatz in seinem langjährigen Engagement für das Schweizerische Rote Kreuz ist ihm unter die Haut gegangen. Mit seiner mitfühlenden, humorvollen Art vermag er nicht nur sich selber immer wieder zu motivieren.

Zwischen zwei medizinischen Einsätzen in Haiti verbringt der 62-jährige Dr. Martin Weber das Neujahr in der winterlichen Schweiz. Eine Zeit der Stille, um sich von der Anstrengung zu erholen und um sich für die nächste Reise ins Katastrophengebiet vorzubereiten. Im Dezember eröffnete und leitete er das Cholera-Behandlungszentrum in Grand-Goâve im Südwesten Haitis. Dort arbeitete er zusammen mit seiner Lebenspartnerin, der Krankenschwester und Hebamme Augusta Theler. Anfang Jahr werden sie wieder in diesem Cholera-Behandlungszentrum rund um die Uhr Cholerakranke behandeln und das einheimische Personal ausbilden. Dabei müssen sie sich selber vor einer Ansteckung mit der hoch infektiösen Krankheit schützen. „Es muss für das medizinische Personal in Haiti zur Selbstverständlichkeit werden, die hygienischen Regeln strikte einzuhalten und beispielsweise die Hände regelmässig mit einer Chlorlösung zu waschen“, sagt Martin Weber.

Das schwere Schicksal Haitis

Die jungen haitianischen Ärzte profitieren von Martin Webers langjähriger Erfahrung

Die jungen haitianischen Ärzte profitieren von Martin Webers langjähriger Erfahrung

Das leidgeprüfte Haiti ist für den erfahrenen Arzt kein Neuland. Bereits nach dem Wirbelsturm im September 2008 wirkte er dort in einer mobilen Klinik. Nach dem schweren Erdbeben vom 12. Januar 2010 folgten mehrere Wochen im grossen Feldspital im Slum von Carrefour. Schon damals warnte er auf Grund der miserablen hygienischen Bedingungen vor möglichen Epidemien im Land und insistierte wie bei all seinen Einsätzen darauf, wie wichtig die Prävention und sauberes Trinkwasser sind. Dass er noch im gleichen Jahr wegen der ausgebrochenen Cholera nach Haiti zurückreisen musste, stimmt den Rotkreuz-Mitarbeiter nachdenklich. Ausserdem bedrückt ihn die Vorstellung, dass in den ländlichen Gegenden viele Erkrankte den Weg in das nächste Gesundheitszentrum nicht mehr schaffen und die offiziellen Statistiken über Todes- und Erkrankungsrate weit untertrieben sein dürften. Vor allem mit der Cholera infizierte Kleinkinder sind derart geschwächt, dass sie noch zu Hause sterben und ausser ihrer Familie niemand diesen stillen Tod zur Kenntnis nimmt.

Disziplin humorvoll vermittelt

Durch den intensiven Durchfall und das ständige Erbrechen sind die Cholera-Patienten in der Zelt-Klinik stark dehydriert und müssen intensiv mit einer Salz-Wasser-Lösung behandelt werden. Vor allem Kinder müssen Tag und Nacht engmaschig überwacht werden. Da sich bei ihnen für die intravenöse Behandlung oft keine Vene finden lässt, erfolgt die Infusion mit einer speziellen Nadel direkt in das Schienbein. Eine solche Behandlungsart ist für das haitianische Gesundheitspersonal neu. „Allgemein ist ein systematisches Vorgehen für eine erfolgreiche Cholerabehandlung ausschlaggebend. Da in Haiti vor allem improvisiert wird, muss ich den Finger immer wieder auf diesen wunden Punkt legen.“ Weil Martin Weber die ernsthafte Botschaft der Disziplin jedoch mit Humor vermittelt, kommt sie bei den haitianischen Mitarbeitenden gut an.

„Systematisches Vorgehen ist ausschlaggebend für eine erfolgreiche Bekämpung der Cholera.“

 Augusta Theler und Martin Weber(2. und 3. v.l) mit Teamkollegen

Augusta Theler und Martin Weber(2. und 3. v.l) mit Teamkollegen

Calvin, Narcisse und Dixon: So heissen die drei jungen einheimischen Ärzte die der SRK-Arzt in die Arbeit einführen durfte. Nun freut er sich darauf, sie bald wiederzusehen. Er selber wurde vor 25 Jahren in einem Flüchtlingscamp in Sudan erstmals mit einer Choleraepidemie konfrontiert und kennt daher sowohl die Diagnose wie die Behandlung aus der Realität. Die jungen haitianischen Ärzte und Krankenschwestern sind durch die in ihrem Land erstmals auftretende Seuche verständlicherweise überfordert. In den vom SRK und Médecins du Monde Schweiz gemeinsam betriebenen drei Klinik-Zelten erklärt Martin Weber ihnen deshalb vor allem das Wesentliche: nämlich die Infusionen gut zu überwachen und auszuwechseln sowie den Patientinnen und Patienten genügend zum Trinken zu geben. „Ausbilden, ausbilden, ausbilden“, lautete sein Motto bereits bei seinen langjährigen Einsätzen in den afrikanischen Dörfern und im Hochland Tibets.

Ein Symbol des Lebens

Das südwestliche Hügelgebiet Haitis ist nur durch Fusswege erschlossen, weshalb die Bewohner lange Fussmärsche zurücklegen müssen. Der 15-jährige an Cholera erkrankte Wilson gelangte nur nach Grand-Goâve, weil ihn sein älterer Bruder während eines mehrstündigen Wegstückes auf den Armen trug. Martin Weber und das medizinische Team holten den bereits Bewusstlosen durch eine intensive Behandlung während mehreren Stunden wieder ins Leben zurück. Als der Patient seinen Bruder wieder erkannte, bedankte und entschuldigte er sich bei ihm als erstes dafür, dass er ihn über eine so weite Strecke tragen musste. Auch die Mutter hat ihre beiden Söhne begleitet und den erfolgreichen Kampf ums Leben des bereits verloren geglaubten Wilson am Krankenbett miterlebt.

„Meine jungen haitianischen Berufskollegen darf ich nicht enttäuschen.“

Dieses Erlebnis hat das Team des SRK und von Médecins du Monde so stark beeindruckt, dass sie ihr Behandlungszentrum auf den Namen Wilson getauft haben. Als Symbol fürs Leben. Wenn Martin Weber diese bewegende Geschichte erzählt, wird klar, dass er auch nach so viel Konfrontation mit Leid keineswegs abgestumpft ist und eine grosse Empathie für die Menschen empfindet. „Meine jungen haitianischen Berufskollegen Calvin, Narcisse und Dixon, die auf mich warten, darf ich nicht enttäuschen. Und Erlebnisse wie die Rettung von Wilson führen mir immer wieder vor Augen, dass sich diese Arbeit lohnt“. Martin Weber sagt dies ganz überzeugend, bevor er sich zu seinem 71. humanitären Rotkreuz-Einsatz aufmacht.

redcross.ch/haiti-news

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