KONKRET - Verschnaufpause für Eltern
Durchatmen im Alltagsmarathon
Sogar die Zwillinge hören zu, wenn Carmen Gremaud erzählt. Die erfahrene Kinderbetreuerin des Roten Kreuzes weiss, wie man Kinder für sich gewinnt. Für die dreifache Mutter Sybille Flückiger ein Bild wie aus dem Bilderbuch, denn so ruhig und harmonisch ist es selten. Wie so viele Familienfrauen hat die junge Mutter kaum Entlastung und engagiert sich zu 300 %.
Ihr Nachwuchs ist das Ein und Alles der 36-jährigen Sybille Flückiger. Mit strahlendem Gesicht schaut sie ihrem Ältesten zu, der friedlich mit seinen kleinen Brüdern spielt. Trotzdem sieht man ihr an, dass das Leben als Mutter alles andere geruhsam ist. Der vierjährige Noah und die achtmonatigen Zwillinge Basile und Merlin halten sie ständig auf Trab. Sie hat keine Minute für sich. Und das ist nicht bloss eine Redensart. Die Tage erscheinen ihr oft endlos. «Mami ist man halt immer, tagsüber genauso wie nachts», seufzt Sybille Flückiger.
Viele Familienfrauen scheuen sich, um Hilfe zu bitten.
Besonders nervenaufreibend sind die Mahlzeiten. Während die Mutter eigentlich die vor Hunger brüllenden Zwillinge füttern möchte, quengelt der Älteste, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Unterdessen verbrennt im Ofen der Gratin für ihren Partner, der am Mittag nach Hause kommt. In solchen Situationen wünschen sich Eltern nur eines: alles hinter sich zu lassen und auf den Malediven um Asyl bitten. Sybille Flückiger hält sich tapfer. Doch selbst sie, die ihre Zwillinge als «komisches Geschenk des Himmels» bezeichnet, gelangt zunehmend an ihre Grenzen. «Ich habe Mühe abzuschalten», sagt sie. Nachts wälzt sie sich schlaflos im Bett. Es ist offensichtlich, dass sie eine Pause nötig hat. Denn würde Sie zusammenbrechen, hätte dies einschneidende Konsequenzen für die Kinder. Wer würde sich dann um sie kümmern? Doch wie viele Familienfrauen scheut sie sich, um Hilfe zu bitten, weil sie ja nicht «arbeitet».
Ein Gutschein als Rettungsanker
Zum Glück hat ihre Mütterberaterin die Lage erkannt und die Notbremse gezogen. Sie empfahl ihr, neue Energie zu tanken. Zusammen mit diesem Rat gab sie ihr einen „Gutschein für eine Verschnaufpause“ des Freiburgischen Roten Kreuzes ab. So konnte die Familienfrau ihre Kinder bei sich zu Hause einer erfahrenen Mitarbeiterin der Rotkreuz-Kinderbetreuung anvertrauen. Dieser Dienst, der je nach Region schon seit 25 Jahren besteht, kümmert sich um kranke Kinder und Kinder von erkrankten Eltern. «Ich hatte ein paar Stunden nur für mich, das tat richtig gut», erkennt Sybille Flückiger heute.
Sybille Flückiger hat wieder Energie, auch für die Bedürfnisse von Noah
Wie die meisten Eltern vertraut die junge Frau aus Grandsivaz (FR) ihre Kinder nur dann anderen an, wenn sie Besorgungen machen muss. Dank den Gutscheinen können sich Mütter oder Väter etwas unternehmen, was ihnen Freude macht ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. «Mütter haben das Recht, sich Zeit für sich zu nehmen – zum Wohl der Kinder und des Paares», betont Valérie Ugolini, nationale Koordinatorin der Kinderbetreuung des SRK.
Prävention von Kindsmisshandlungen
Mit dem „Gutschein für eine Verschnaufpause“ bietet das SRK erschöpften Eltern eine einmalige Soforthilfe an. Fachleute sind der Ansicht, dass einige Stunden Auszeit genügen können, um gestärkt wieder für die Kinder da zu sein. Eine „Verschnaufpause“ wirkt auch vorbeugend und kann durchaus verhindern, dass eine Situation entgleist und im schlimmsten Fall Kinder misshandelt werden. Man weiss beispielsweise, dass das für Säuglinge lebensgefährliche Schütteltrauma meist die Folge einer extremen Stresssituation ist. Leider ein Phänomen, das immer häufiger vorkommt, wie Valérie Ugolini erklärt.
Verschnaufpausen sind wichtig –zum Wohl der Kinder und für das Elternpaar
Gelassen und angemessen auf die Herausforderungen der Kinder reagieren, das gelingt nur wenn die jeweilige Betreuungsperson ausgeruht ist
Das SRK greift aber nicht nur den Eltern tatkräftig unter die Arme, es möchte auch die Öffentlichkeit sensibilisieren. Die elterliche Erschöpfung ist zwar bekannt, aber es wird nur wenig darüber gesprochen. Deshalb findet am 17. November 2010 das Symposium «Am Rande des Nervenzusammenbruchs – Risiken und mögliche Auswege für Eltern unter Druck» statt. Verschiedene Fachleute werden sich zum Thema äussern.
Ein erheblicher Bedarf
Die „Gutscheine für eine Verschnaufpause“ sind für jedes Budget erschwinglich, kostet doch eine Betreuungsstunde gerade mal ein bis drei Franken. In der Regel nehmen sich die Eltern einen halben Tag frei. Vorerst gibt das SRK 2000 Gutscheine ab. Lässt sich die Finanzierung der Aktion langfristig sichern, könnte diese Zahl erhöht werden. Bei den Eltern besteht offensichtlich ein erheblicher Bedarf. Die Gutscheine werden durch Fachleute abgegeben, wie Ärztinnen und Ärzte oder Mütter- und Väterberatungsstellen oder in einigen Fällen direkt vom Roten Kreuz. An dieser Aktion zur Entlastung von Familien beteiligen sich 16 Kantonalverbände des SRK.
Text: Christine Rüfenacht Bilder: Annette Boutellier
Hier erfahren Sie, ob Ihr Kantonalverband dazu gehört
APROPOS
Ursachen für elterlichen Stress
Die Idee zum „Gutschein für eine Verschnaufpause“ entstand, weil Eltern tatsächlich immer mehr unter Druck stehen. Die Kinderbetreuung zu Hause des SRK registriert zunehmend Anfragen von erschöpften Mütter und Väter (zwei Drittel der total 68900 Betreuungsstunden, die 2009 geleistet wurden). Doch worauf ist der elterliche Stress zurückzuführen? Der Hauptgrund ist der schwierige Spagat zwischen Beruf und Familie. Von Eltern wird erwartet, dass sie vorbildliche Angestellte, liebevolle Eltern und engagierte Partner sind. Gleichzeitig – was die Dinge nicht einfacher macht – werden Familien im Alltag immer weniger unterstützt, beispielsweise durch Grosseltern.




