REPORT - Trinkwasser im bolivianischen Tentayape

REPORT - Trinkwasser im bolivianischen Tentayape

Ein Lichtblick für die Zukunft

Tentayape ist eine abgelegene „Comunidad“ im Tiefland des Chaco in Bolivien. Eine schwere Dürre hat hier 120 Indio-Familien in ihrer Existenz bedroht. Ihr grosser Zusammenhalt und die Unterstützung durch das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) erlaubte ihnen das Überleben. Die neu erstellte Wasserversorgung ist ein Lichtblick für die Zukunft dieser traditionell lebenden Indiogemeinde .

Erstmals im Leben verfügt die 65-jährige Toribia Tercero über einen Wasseranschluss

Viele Wege führen nach Rom, aber nur einer nach Tentayape, das in der Guarani-Sprache das letzte Haus bedeutet. Der Weg dahin gleicht einem waghalsigen Hindernislauf. Hat man die kurvenreiche, schmale Naturstrasse hoch über dem Abgrund des Rio Picomayo endlich hinter sich gebracht, führen die letzten sechs Kilometer durch ein Bachbett. Plötzlich eröffnet sich der Blick auf eine weite, mit grünen Maispflanzen bebaute Ebene. Nach 18 Monaten Dürre haben die ersten Regenfälle die Landschaft innerhalb weniger Tage neu belebt. Für die bolivianischen Kleinbauern waren die Auswirkungen jedoch katastrophal.

Das Wetter spielt verrückt

Zwei imposante Soto-Bäume auf jeder Seite des Weges markieren den Eingang zur Comunidad. Der Bauer Guirandiyu Guiraibi unterbricht kurz seine Feldarbeit, um uns zu berichten, dass das Wetter in letzter Zeit „loco“ - also verrückt - geworden sei. Die letztjährige Ernte von Mais und Bohnen sei infolge der anhaltenden Dürre ganz ausgefallen. Wie üblich hätten sie Anfang März ausgesät, um im Mai zu ernten. Doch dann seien die Maisblüten wegen dem ausbleibenden Regen abgestorben. Übrig blieb das triste Bild einer verdorrten braunen Landschaft. „Im Juli hat es sogar geschneit, was seit meiner Jugendzeit nicht mehr vorgekommen ist!t“, sagt der 50-jährige Bauer. Ernteausfall, Waldbrände, Wassermangel und verendete Kühe waren die direkten Auswirkungen der extremen Wetterverhältnisse. Die Folgen des weltweiten Klimawandels sind auch in der entlegensten Region angekommen.

Erdölförderung – nein danke

„In unseren Trockenwäldern mit Palmenhainen leben Pumas und Papageien, wir wollen uns unseren geschützten Lebensraum nicht zerstören lassen“, sagt der „Capitán Grande“ Guayari Bacuire ruhig, aber bestimmt. In Tentayape leben etwas über 600 Menschen. Die Gemeinschaft gehört dem Volk der Guarani an und war lange Zeit von der Aussenwelt isoliert und vom Staat vernachlässigt. Doch seit die bolivianische Verfassung die Rechte der indigenen Völker ausdrücklich anerkennt und die Guarani-Minderheit auch im nationalen Parlament vertreten ist, hat eine Öffnung stattgefunden. Das hat aber auch eine bedrohliche Seite. In Tentayape, dessen Fläche jener des Kantons Zug entspricht, werden Erdölvorkommen vermutet. Doch die Comunidad widersetzt sich bisher erfolgreich gegen das Eindringen des spanischen Erdölkonzerns Repsol. Denn die Erfahrungen in anderen Gebieten Boliviens haben gezeigt, dass die rücksichtslose Ausbeutung der Bodenschätze für die lokale Bevölkerung vor allem Nachteile mit sich bringt. So verschmutzen beispielsweise defekte Pipelines immer wieder die Gewässer und Böden.

Trinkwasser fürs Überleben

Die traditionelle Hängematte schützt und beruhigt

Als Anfang der 90er-Jahre nach dem Ausbruch der Cholera erstmals ein medizinisches Rotkreuz-Team hier wirkte, war dies der Beginn eines langfristigen Entwicklungsprogrammes. Die damals ausgebildeten einheimischen Gesundheitshelfer wirken noch heute hier. „Wir respektieren die kulturellen Eigenheiten dieser kleinen Gemeinschaft. Die Leute verfügen über Eigeninitiative und ein grosses Selbstbewusstsein“, sagt der Koordinator des SRK, Eduardo Lambertín. Die 18 km lange Wasserleitung ist das sichtbare Resultat dieser erfolgreichen Zusammenarbeit. Heute haben alle 120 Häuser der Streusiedlung einen Trinkwasser-Anschluss. Das SRK finanzierte die Bohrung zur Quellfassung und das Material für die Leitungen. Die ganze beschwerliche Arbeit wurde von den Männern in Freiwilligenarbeit geleistet. Der junge Kleinbauer Sandro Tilcara liess sich von einem Wassertechniker ausbilden und ist nun für die Reinigung des Reservetankes und die Wartung des Systems zuständig. „Vor allem während der letztjährigen Dürre wurde uns klar, wie wichtig die Wasserversorgung für unser Überleben ist!“ bekräftigt der Selfmade-Wassermann.

Doña Toribias Gemüsegarten

Von dieser Dürre sprechen sie alle, denn seit der Regen die Vegetation wieder ergrünen liess, sind die Spuren davon nur auf den zweiten Blick zu erkennen. Doch die Selbstversorgung mit Mais und Bohnen ist zusammengebrochen. Bis zur nächsten Ernte zum Sommeranfang sind die Menschen auf die vom Roten Kreuz verteilten Maisrationen angewiesen und dasselbe gilt auch für das Saatgut zur neuen Aussaat. In den letzten Jahren haben die Frauen Gemüsegärten angelegt, um die Ernährung etwas vielfältiger zu gestalten. Die 65-jährige Witwe Toribia Terceo zeigt uns stolz ihren mit „Ají“ (Paprika) bepflanzten Garten, den sie während der Trockenzeit täglich bewässert. „Vor dem Dürrejahr pflanzte ich hier auch Tomaten und Zwiebeln an, nun muss sich der Garten erst wieder erholen“, sagt sie zuversichtlich. Sie will ihre drei Grosskinder gesund ernähren, denn sie sollen das selbstbewusste und auf seine Traditionen bedachte Tentayape in die Zukunft tragen.

Altgold für Augenlicht