REPORT - Henry Dunant
Seiner Zeit weit voraus
Seit dem Tod von Henry Dunant sind genau 100 Jahre vergangen. Schwere Probleme unserer Zeit sah er voraus. Seine Kerngedanken bieten Lösungen auch fürs 21. Jahrhundert.
Dunant mit 35, zur Zeit der Gründung des Roten Kreuzes
Grössere Widersprüche sind kaum denkbar. Als 1862 „Eine Erinnerung an Solferino“ erscheint und das Rote Kreuz entsteht, ist Dunant erst Mitte 30 und wird europaweit gefeiert. Er ist ein Sohn aus bestem Haus, Jungunternehmer, blendend aussehend. Vier Jahre später beginnt eine Irrfahrt durch Europa, auf der er teils fast verhungert. Die letzten Jahrzehnte verlebt er grösstenteils vergessen in Heiden. Dieser Mann soll für die Welt bis heute eine entscheidende Rolle spielen?
Berühmte Persönlichkeiten
Durchaus. Seine Biografie liest sich wie ein “Who-is-who“ seiner Zeit. Sein Leben ist verknüpft mit dem späteren italienischen König Viktor Emanuel II. und Napoleon III., der ihm zu mehr Wasser und Land für sein Mühlenprojekt hätte verhelfen sollen.
Seine Biografie liest sich wie ein “Who-is-who“ seiner Zeit
Der erste Rotkreuzpräsident, General Guillaume-Henri Dufour, prägte wie kaum ein anderer die moderne Schweiz. Mit Abraham Lincoln teilte Dunant die Abscheu gegen die Sklaverei. Besonders viel verband ihn mit Florence Nightingale, Pionierin der Krankenpflege, und Clara Barton, Gründerin des Amerikanischen Roten Kreuzes. Er steht in Verbindung mit der bedeutenden Pazifistin Bertha von Suttner sowie mit Alfred Nobel.
Dunants Leistungen
- Mit „Eine Erinnerung an Solferino“ thematisiert Dunant den wunden Punkt seines Jahrhunderts: dessen Brutalität mit über 300 Kriegen.
- Vor allem aber: Mit dem Roten Kreuz schuf er die grösste humanitäre Organisation der Welt mit 300000 Mitarbeitenden, 97 Millionen Freiwilligen in 187 Ländern. Das sind fast unvorstellbare Zahlen.
- Mit der Rotkreuzgründung entwickelte sich Genf und damit die Schweiz zum Standort der wichtigsten internationalen Organisationen. Damit steht Dunant schlicht und ergreifend am Anfang der humanitären Tradition der Schweiz.
Diese Leistungen reichen eigentlich. Richtig interessant wird's aber, wenn man sich vergegenwärtigt, was Dunant zum 20. Jahrhundert zu sagen hatte:
Wie hier in Tschad wird Dunant noch heute rund um den Globus verehrt, besonders in kriegsversehrten Ländern
- Er dachte alles an, was heute in den vier Genfer Konventionen steht und war frustriert, dass es damit nicht schon zu Lebzeiten voranging: Grundsatz der Neutralität für Rotkreuzhelfer und Verwundete; dies zu Land und zu Wasser; Schutz auch für Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung.
Ein Mann, der alles Wesentliche in zwei Jahrhunderten aufzeigt – was will man mehr?
- Dunant wollte die internationale Krankheitsforschung vorantreiben – heute verwirklicht durch die World Health Organisation WHO.
- Er verlangte den Schutz der Arbeiterschaft und die Abschaffung der wirtschaftlichen und sozialen Versklavung – heute Teil der Sozialrechte.
- Er gründete den Weltbund für Ordnung und Bildung, überzeugt, dass eine Welt des geteilten Wissens eine friedlichere sei. Heute erfüllt die UNESCO das Postulat – sowie Wikipedia.
- 1870 gründete er eine Gesellschaft mit, die die Errichtung eines internationalen Schiedsgerichts anstrebte. Der Internationale Strafgerichtshof Den Haag ist heute eine der wichtigsten Weltorganisationen.
- Er initiierte die Internationale Palästina-Gesellschaft und wollte europäischen Juden in Palästina Land zurückgeben – der Nahostkonflikt ist immer noch eins der dringendsten politischen Probleme.
- Der „alte Mann mit dem weissen Bart“ forderte die gleiche Entlöhnung von Mann und Frau – und beteuerte, dass „das weibliche Element in Politik und Wirtschaft“ eine friedlichere Welt schaffe: aktueller geht's nicht in Zeiten der Finanz-, Öl- und Ökokrisen.
- Das 20. Jahrhundert sah er als besonders blutig voraus. Es sollte mit den beiden Weltkriegen sowie Völkermorden so kommen.
Globales Denken vor 100 Jahren
Ein Mann, der alles Wesentliche in zwei Jahrhunderten aufzeigt – was will man mehr? Doch Dunant hat auch im 21. Jahrhundert etwas zu sagen. Denn hinter all seinen Initiativen steht der Glaube an die Internationalität. Eben dies betont heute der Teil der verständigen Politiker: Unsere sozialen und ökologischen Probleme sind nur noch global und gemeinsam zu lösen.
© ICRC
Einweihung in Holland 1953: weltweit stehen Denkmäler
Allein, Ruhm und Bekanntheit Dunants entsprechen mitnichten seiner umfassenden Bedeutung und Weitsichtigkeit. In der Schweiz ging der Rotkreuzgründer nach Erhalt des Friedennobelpreises immer wieder vergessen. Das Grab auf dem Sihlfriedhof Zürich war im 20. Jahrhundert lange Zeit vernachlässigt.
So wird Dunant vor allem dort auf der Welt hochgehalten, wo man weiss, was Krieg ist.
Das sieht man im Ausland ganz anders. In Kambodscha wie Belarus wurde der Rotkreuzgründer eben mit überlebensgrossen Skulpturen geehrt. Dunant ist beliebt in vielen afrikanischen Staaten seit der Unabhängigkeitsbewegung. Und dass die Japaner in die Schweiz fliegen, ist nicht nur Jungfrau und Matterhorn geschuldet, sondern auch Dunant. Manche Reisegruppe besucht nebst Zermatt und Luzern auch Heiden. So wird Dunant vor allem dort auf der Welt hochgehalten, wo man weiss, was Krieg ist. – und das ist nicht in der Schweiz.
Zeitungen und Fernsehen fragen derzeit oft nach dem einflussreichsten Schweizer. Da muss man wohl nicht lang überlegen. Das Bild, welches Dunant im Stil Andy Warhols darstellt, trifft es genau: als Star – der nicht im 19. Jahrhundert fiel, sondern ins 21. Jahrhundert leuchtet.
Mit Dunant – den Rotkreuzgrundsätzen, der Internationalität im Sinn des Rotkreuzgründers und der Rotkreuzinfrastruktur – sind wir fürs 21. Jahrhundert gerüstet.
Text: Michael Walther
Michael Walther
Journalist und Buchautor in Flawil SG, schrieb für den Verein Dunant 2010 Heiden.




